CD-Besprechung

Von Gräsern und Wolken |

Bezaubernde Zwiegespräche von Musik und Landschaft

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Wuppertal, 09.09.2016 | Violinistin Gunda Gottschalk und Akkordeonistin Ute Völker kennen sich aus unterschiedlichen musikalischen Projekten sehr gut, oft haben sie zum Beispiel im Rahmen der Reihe ‚soundtrips NRW’ zusammengespielt. Bei der CD Von Gräsern und Wolken präsentieren die beiden Wuppertaler Musikerinnen jetzt das Ergebnis eines ganz besonderen Trips: einer zweiwöchigen Reise durch die Mongolei im Rahmen des Festivals Roaring hoove im Jahre 2014. Dieser besondere „soundtrip“ führt die beiden zusammen mit der Organisatorin dieses Festivals, der Urtiin-Duu-Sängerin Badamkhorol „Baadma“ Samdandamba, die auf der CD zusätzlich unterstützt wird von ihren Schwestern Badamkhand „Baaka“ Samdandamba und Bat-Otgon „Otgoo“ Samdandamba. Baadma ist die auch international bekannteste Vertreterin des mongolischen traditionellen Frauengesangs Urtiin-Duu, sie lebt in Freiburg und in Ulan Bator. Man darf auf das Zusammentreffen der verschiedenen Musiktraditionen gespannt sein.

Der Opener mit dem Titelsong bringt die drei Sängerinnen mit Bratsche und Akkordeon zusammen. Die in europäischen Ohren zunächst befremdlich klingende kehlige Vokalkunst des Urtiin-Duu mit einem mehrfach einsetzenden melodischen Bogen ohne erkennbare rhythmische Struktur erlaubt schnell einen unmittelbaren Zugang. Bratsche und Akkordeon erzeugen dazu einen suggestiven Schwebezustand.

Es folgt ein klug variierter Wechsel von instrumentellen und vokalen Solostücken und verschiedenen Besetzungen: In Nachts und Zug der Kamele durch die Wüste setzt Ute Völker mit ihrem Instrument mit langen dissonanten Akkorden bzw. einer vom Urtiin-Duu inspirierten Spielweise ihre Musik in Beziehung zur Klang- und Umwelt der mongolischen Steppe. In Horizont – dem mit sechs Minuten längsten Stück der CD – oder in ihrem Solostück Hitzeflimmern schafft Gunda Gottschalk mit Arpeggien auf der Bratsche bzw. der Geige einen ausdrucksvollen Klangraum, der akustisch die räumliche Weite und Naturphänomene nachvollziehen lässt. In ihren Duo-Stücken, den furiosen Clustern in Nadaam, in dem mysteriösen Track Schildkröte und dem eher kontemplativen Khuvsgul See – zeigen die Musikerinnen, dass sie eine lange gemeinsame improvisatorische Spielerfahrung haben. Ein energisch zupackendes Duett zwischen Baadmas Stimme und Akkordeon ist in Ulaanbaatar zu hören, eine zaghaft zurückhaltende Stimme von Otgoo wird in Dulguun von einer behutsamen Geige umspielt. In Altain magtaal und Das Fohlen von Golden-Gobi ist Baadma in eindrucksvollem Sologesang zu hören, in God Dunjingarav mit ihren beiden Schwestern begleitet sie sich auf einem mongolischen Banjo. Der musikalische Reigen wird mit Von Wolken und Gräsern beendet, einem typischen Urtiin-Duu-Geang von Baadma mit einer verstörend dissonanten musikalischen Grundierung von Akkordeon und Geige.

Von Gräsern und Wolken bietet ein rundum gelungenes Beispiel von „Weltmusik“ fernab von Graswurzel-Romantik, die der Album-Titel vielleicht suggerierte, vielmehr eine musikalische Interaktion von eigentlich völlig verschiedenen Musiktraditionen, die sich im wahrsten Sinne begegnen und damit einen eigenen Klangkosmos schaffen, ohne ihre Wurzeln zu verleugnen. Die Sprache Neuer oder improvisatorischer Musik fügt sich hier ausgesprochen organisch ein, es entsteht ein suggestiver Zauber, frei von exotistischer kultureller Ausbeutung. Man spürt beim Hören der CD förmlich die Spielhaltung von Gunda Gottschalk und Ute Völker und ihren mongolischen Mitspielerinnen, mit ihrer Musik Zwiegespräche mit einer unendlichen Landschaft zu führen und damit ein gemeinsames Element in einem globalen Naturzusammenhang zu sein und auf diesen künstlerisch einzuwirken. Bezaubernd.

CD Von Gräsern und Wolken, Valve Records # 6587