Interview

Jasper van't Hof im Interview |

"Folge deiner Emotion!"

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 05.02.2018 | Aus Anlass des geplanten Solo-Konzertes von Jasper van’t Hof im Kunstmuseum Bochum am 10. Juni diesen Jahres führt Heinrich Brinkmöller-Becker ein Interview mit dem sympathischen Niederländer, einem der führenden Pianisten und Keyboarder Europas. Zu seinem doppelten Jubiläum – 50 Jahre Bühnenkarriere und 70. Geburtstag – erschien eine Box mit vier CDs und einem Booklet (Rezension bei nrwjazz.net).

Du bist ein Multi-Stilist: Bebob, Free Jazz, Groove Jazz, Jazz Rock, Fusion, Weltmusik... Du giltst als Erneuerer der europäischen Jazzszene mit unablässigem Erneuerungsdrang. Welche dieser Entwicklungen war bisher für dich persönlich die wichtigste?

Der Stil ist nie von vornherein die Basis dafür, was du spielst oder spielen möchtest, aber deine Umgebung gibt dir Fragen, worauf du mit deinem Instrument eine Antwort gibst. Musizieren ist ein Gespräch, ein Geben und Nehmen, Fragen und Antworten. Die Improvisation passiert zwischen den Musikern auf der Bühne. Wenn du nicht im Stande bist, dein Gegenüber zu verstehen, bist du nicht der richtige Musiker für ihn (oder er / siefür dich ?..).

Alle deine vorher beschriebenen Stile sind „understanding basics“ – sowohl für den Musiker als auch auch für das Publikum. Man kann (leider) nicht erwarten, dass ein Teenager zu einem BeBop-Konzert geht. Other time, other people, eine andere Gesellschaft. Das Publikum unter 50 Jahren kommt nur aus Neugier!! Interesse!! Geisteserweiterung!! Wir Jazzmusiker müssen riesig dafür kämpfen, diese Generation nicht zu verlieren.

Remscheid war für deine Karriere als Musiker ein wichtiger Meilenstein. Warum gerade Remscheid?

Wegen des Sommerkurses in Küppelstein an der Musischen Bildungsstätte, damals geführt u.a.von Bruno Tetzner, wo internationale Spitzenmusiker für zwei Wochen eingeladen wurden zum Unterrichten. Ein wirklicher “BRAIN BOOST”.

Wo würdest du dich bei folgenden Polen als Person und als Musiker eher zuordnen:

(Ich weiß, die Pole sind für dich nicht unbedingt Gegensätze...., aber eine Auseinandersetzung mit ihnen gibt über dich Aufschluss...)

Improvisation – Komposition

Unabhängig von einander. Improvisation ist eine Art „instant composing“, eine spontane Erfindung der Komposition!

Emotion – Struktur

In einer Emotion ist es manchmal schwierig, die Struktur zu respektieren………mein Rat: Folge trotzdem deiner Emotion!

Inspiration – Erfahrung

Bei der Inspiration steht manchmal das Know how, die Erfahrung im Wege. Inspiration ist der Weg zum „NEUEN“, wo „Know how“ und Erfahrung schon zurückgelegte Stationen sind.

Solo – Ensemble

Beides muss man gleich denken. Es gibt richtig betrachtet keinen Unterschied.Ein Ensemble klingt dann gut , wenn es eine Einheit ist. Eine! Ein Solist ist alleine, soll jedoch wie ein Ensemble klingen.

Bandleader – Mitspieler

Der Bandleader muss imstande sein, sich unterzuordnen. A part of the game effect. Die Band, das Kollektiv, ist zwar dabei, deine Kreation zu verwirklichen. Jedoch wird es total langweilig, wenn du als ein Diktator die Musiker mit ihren eigenen Qualitäten vernachlässigst, die nur deine Idee umsetzen sollen. Das wird sowieso nicht klappen, weil Kunst persönlich ist. Es kommt eben auf den total eigenen Sound, auf die eigene Farbe an, die kreiert werden soll. Der Bandleader hat die Aufgabe, die verschiedenen Charaktere als eine Harmonie klingen zu lassen. Dazu muss jeder sein „Ding“ machen können.

Tradition – Erneuerung

Zwei Wörter wie Feuer und Wasser. Im Grunde.

Meine Meinung ist: Tradition soll man lassen. Don‘t Touch !! Respektiere.

Jedoch……..höre zu, versuche, das Andere zu verstehen, welches dadurch bei dir das Neue hervorbringt !!

Akustisches Instrument – Elektronisches Instrument?

In der Emotion sehe ich keinen Unterschied.

Jedoch beim Hervorrufen der Emotion einen großen.

Das Realisieren von Dynamik ist anders. In meinem Fall, als Pianist, wird die Dynamik schon bestimmt durch den physischen Anteil. Drücke ich kräftig eine Taste herunter, ist es laut, drücke ich leise eine Taste herunter, klingt es leise. Das klingt vielleicht doof, aber vergiss dabei nicht, dass Bach und seine Zeitgenossen aus einer Zeit stammen, in der das Hammerklavier noch kein alltägliches Instrument war. Clavecimbel , Harpsichord , Kirchenorgel usw. waren Instrumente, bei denen sich Dynamik nicht durch körperlichen Einsatz bestimmen ließ. Dynamik konnte man nur durch Zusammenfügung von Noten und/oder durch die Register bei der Kirchenorgel erzeugen.

Die Elektronik kann man am besten mit einer Kirchenorgel vergleichen, wo die Dynamik auch verwirklicht werden kann durch Zusammenfügen mehrere Klänge. Beim Klavier gibt es „nur“ ein Klavier. Die Erfindung von MIDI brachte da eine fantastische Wende.

Zurück zum Wort EMOTION !! Bei beiden Instrumenten kommt es aus „der Seele“, aus deiner Seele. Also gefühlsmäßig gehst du denselben Weg, du kannst nicht anders, weil du du bist !!

Du hast mit unzählig vielen Musikern weltweit zusammengearbeitet und bist deshalb bestens vernetzt. Täuscht der Eindruck, dass bei deinen Besetzungen das Saxophon bzw. Saxophonisten eine besondere Rolle spielen?

Stimmt. Da täuscht du dich nicht. Das Sax spielt bei Pop,Rock und Klassischer Musik kaum eine Rolle. Es ist ein Instrument, bei dem man fast sagen könnte: Es ist für Jazz geschaffen!! Dabei…..meine musikalischen „Lebens-Begleiter“sind immer noch sehr oft John Coltrane (daher meine Liebe für McCoy Tyner) und Sonny Rollins. Aber immer, immer auch Miles. Wie Miles in seinem Denken dem Sax Raum ließ, die Farbe nutzte. Bei ihm passen für mich gefühlsmäßig die Saxophonisten zur Unterstützung seines Denken sehr gut ins Bild!! Seine Musik brauchte das.

Schmerzt es dich, wenn Leute mit deinem Namen ausschließlich Pili Pili verbinden?

Nein, überhaupt nicht. Vorher hab ich davon gesprochen,wie man im Jazz eine andere Generation erreichen kann, ohne sich zu verleugnen. Da ist es mir gelungen - für mich: Ich spiele bei Pili meine Soli genau so wie im Duo z.B. mit Philip Catherine, Tony Lakatos oder Ernie Watts…. oder meine Solo-Axioma-Konzerte.

Du bist ein Vollblut-Musiker und –Komponist: Wie sieht heute dein normaler Tagesablauf aus?

Immer muss man die Disziplin aufbringen, sich mindestens eine Stunde pro Tag mit seinem Instrument auseinander zu setzen, sei es zum Komponieren oder sei es wegen Technikübungen. Egal. Das Instrument ruft mir immer zu: „Hallo, hier bin ich…!“

Zu deinem Wohnsitz: Du hast lange in Frankreich und Deutschland gelebt, jetzt wieder in den Niederlanden: Spielt dein jeweiliger Lebensmittelpunkt eine Rolle für dich als Musiker?

Nein. Nicht in der Existenz, beim Wohlfühlen im Wohnen und in der Kultur schon. Und da kann ich sagen, dass beide Länder mir sehr, sehr gut gefallen haben. In die Niederlanden bin ich wieder zurückgekommen wegen der kleinen Nuancen, die jede Gesellschaft hat, und die mir ab und zu gefehlt haben.

Du hast mit vielen Größen des Jazz zusammen gespielt, aber auch eine Reihe von Solo-Projekten umgesetzt, du spielst alles, was Tasten hat: Hast du da besondere Vorlieben entwickelt?

Die Vorliebe wurde sozusagen schon entwickelt, als ich 5 Jahre alt war, und ist geblieben. Die andere Vorliebe ist immer das Schlagzeug gewesen. Heimlich spiele ich liebend gerne dieses Instrument und entdecke ab und zu, dass man auch mit einem Klavier rhythmische Lücken füllen kann.

Wenn du deine Karriere heute Revue passieren lässt: Wäre sie unter heutigen Bedingungen so möglich?

Sicher. Aber völlig anders. Das Internet ist unsere neue Plattform. Bist du im Internet groß, dann erst bist du auch „on the road“ groß und bekommst Live Acts. Rundfunk, Fernsehen und Zeitungen sind kein Thema mehr als Basis-Unterstützung.Die Leute im kulturellen Bereich bewegen sich nur noch über das Internet.

Wie schätzt du die aktuelle internationale/europäische/deutsche Jazzszene ein?

Schlecht. Komischer Weise. Deutschland hat eine sehr hohe Qualität an Musikern, aber es fehlt der Link zum Internationalen.Andersherum, für nicht-deutsche Musiker gibt es große, große Schwierigkeiten, hier zu spielen - schon allein wegen schwieriger steuerlicher Bedingungen, wodurch es für einen Organisatoren sehr schwierig geworden ist, international zu denken.

Was hältst du für die interessantesten Neuentwicklungen in der Musik?

Ich bin begeistert von der unglaublichen Virtuosität der Musiker, von ihrem Know how in der Musik. Wodurch schöne, schöne extreme Ideen entstehen!

Aber es gibt kaum noch Journalisten, die imstande sind, das zu hören und so zu entdecken. Und wir brauchen das Medium für die öffentliche Wahrnehmung!!

Du warst häufig Dozent an verschiedenen Konservatorien wie Groningen, Arnheim, Utrecht und längere Zeit in Basel. Welche Erfahrungen hast du mit jungen Musikerinnen und Musikern gemacht? Was war dir besonders wichtig, den Jüngeren zu vermitteln?

Es ist für einen sogenannten "Arrivé" immer ein Gottesgeschenk, mit jungen Menschen zu arbeiten. Man verliert dadurch den Kontakt zur Gesellschaft nicht und entdeckt neue Wege, neue Einsichten. Immer wieder!

Zum Vermitteln ist das Wort PASSION die Grundlage der Kunst! Man kann eben nicht ein kleines bisschen ein Künstler sein. Du bist es total, voll oder überhaupt nicht. Es gibt keinen Zwischenweg!

Kannst du zu deinem Auftritt im Juni in Bochum schon etwas verraten?

Es wird Material u.a. von meiner Axioma-Solo-CD gespielt, aufgenommen bei Jaro Records aus Bremen, und Pseudopodia, einer Duo-CD mit Bob Malach (sax) von der Firma In und Out aus Freiburg.

Hope to see you.