Hörbeispiel: Julia Hülsmann
Gelsenkirchen, 15.3.2011 | Einige talentierte Tastendrücker haben gerade oder in Kürze neue CDs auf dem Markt und kommen damit zum Teil auch live in unsere Region. Hier ein paar Tipps unsererseits.
+ Colin Vallon, der junge Schweizer Tastendrücker, darf sein Debütalbum mit seinem nach ihm benannten Trio gleich bei einem süddeutschen Renomee-Label veröffentlichen. Auf „Rruga“ (ECM/Universal) gibt es wundervoll sensible und poetische, beim ersten Höreindruck ruhige, aber innerlich fein brodelnde Musik, die sehr europäisch klingt – mit subtilen Inspirationsquellen vom Balkan bis Skandinavien.
+ Auch Julia Hülsmann darf mit ihrem Trio (schon zum zweiten Mal) für ECM aufnehmen. „Imprint“ (ECM/Universal) heißt die neue CD und ist ein weiteres Meisterwerk der deutschen Pianistin. Mal quirlig, mal ruhig, oft lyrisch. Mit Songs, die offen sind und atmen können. Große Klangästhetik, beseeltes Spiel! Live am 30. März im Kölner Stadtgarten.
+ Und noch einmal ECM: Das Trio des polnischen Pianisten Marcin Wasilewski, des Bassisten Slawonir Kurkiewicz und des Schlagzeugers Michal Miskiewicz ist bekannt geworden als Band des berühmten Landsmannes Tomasz Stanko. Wasilewski und Kurkiewicz spielten auch schon CDs mit Manu Katché ein. Aber schon früher hat dieses Trio zusammen Musik gemacht. Und tut das auf „Faithful“ (ECM/Universal) einmal mehr mit einer Intensität und Vertrautheit, die berührt. Poetisch, mit ineinandergreifenden Klängen der drei Instrumente, mit einem Minimalismus, der maximalen Hörgenuss verspricht. Das alles ist am 13. April im Kölner Stadtgarten auch live zu erleben!
+ Pianist Marc Copland trifft auf „Crosstalk“ (Pirouet/edel:kultur) auf Bassist Doug Weiss, Drummer Victor Lewis und Saxofonist Greg Osby – und kreiert mit diesen drei namhaften Kollegen wahrhafte Wortgefechte auf den Instrumenten. Klischeefrei, harmonisch überraschend, vital und immer spannend!
+ Auch Vijay Iyer mag ungewöhnliche Klänge. Auf „Tirtha“ (ACT/edel:kultur) kreiert der indischstämmige New Yorker Pianist mit dem Gitarristen Prasanna und dem Tablaspieler Nitin Mitta aus sich überlagernden Rhythmen und Melodien, die auf traditionellen Vorlagen der indischen Musik fußen, betörende Klänge zum Entdecken, die Jazz und Indien zusammenbringen.
+ Brad Mehldau hat ebenfalls längst die Grenzen des Jazz in seinem Spiel verwischt. Ohnehin liebt der Amerikaner Pop, Rock und Klassik ebenso. „Live in Marciac“ (Nonesuch/Warner) ist ein Konzertmitschnitt aus dem kleinen südfranzösischen Ort Marciac, der jeden Sommer zum Jazzmekka anwächst. Zwei CDs und eine DVD lang spielt sich Mehldau hier solo durch eigene Stücke, Jazzstandards und Nummern von Radiohead, Kurt Cobain oder den Beatles. Ein weites Feld, auf dem nicht alles zündet. Manches wirkt ideenlos. Anderes aber ist brillant!
+ Der junge Eldar Djangirov probiert sich auf „Three Stories“ (Sony) erstmals am Solopiano. Und entpuppt sich dabei sowohl als furioser Tastendrücker, der selbst vor einem Bach-Präludium nicht Halt macht, wie auch als sensibler Klanggestalter.
+ Auch Tigran Hamasyan vertraut auf „A Fable“ (Verve/Universal) nur seinem Klavier (und gelegentlich seiner Stimme). Der junge Armenier präsentiert sich als äußerst dynamischer, aber auch sehr lyrischer und immer hoch spannender Geschichtenerzähler. Sehr interessant auch seine Bearbeitungen zweier armenischer Volkslieder.
+ Fabian M. Mueller macht´s auf „Monolog“ (Unit/JaKla/ Alive) ebenfalls solo. Aber neben dem Konzertflügel greift der Schweizer auch zur Melodica und zu den Perkussionen. Im Mittelpunkt aber steht das Klavier und nicht ganz eingängliche, aber interessante Klänge zum Entdecken zwischen Jazz, neuklassischer Musik und experimentellen Miniaturen.
+ Noch zwei Mal Piano-Solo: Iiro Rantala ist durch das schräge Trio Töykeät bekannt geworden. Solo widmet er seine neue CD „Lost Heroes“ (ACT/edel:kultur) seinen persönlichen Helden, Musikgrößen wie Bill Evans, Esbjörn Svensson, Erroll Garner oder Luciano Pavarotti. Berührend melancholisch ist oft der Grundton, sensibel sein Spiel, spannend die Einfälle, um die verstorbenen Heroen zu würdigen. Live und solo schaut der Finne am 10. April in den Herner Flottmann-Hallen vorbei!
+ Und Omar Sosa, auch er kann ein wilder Tastenwizzard sein, zeigt sich auf „Calma“ (Skip/Soulfood) ebenfalls von seiner anderen Seite. Ruhig und in sich gekehrt improvisiert der Kubaner auf dem Konzertflügel, geschickt angereichert durch Fender Rhodes und gesampelte Sounds und kreiert spirituelle Klangbilder. Das Omar Sosa Quintet gastiert am 18. Juni im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal.
+ Gerald Clayton ist der Sohn des berühmten Bassisten John Clayton und auf „Bond – The Paris Sessions“ (Emarcy/Universal) mit seinem eigenen Trio unterwegs. Zwischen geschmackvollen Standardinterpretationen und vielen eigenen Kompositionen geben der Pianist, Bassist Joe Sanders und Drummer Justin Brown hier mit hippen Rhythmen und starken Melodien ihre zweite Visitenkarte ab in Sachen aufregender Jazz zwischen Tradition und Moderne.
+ Zum Schluss ein wenig Groove. Den gibt es bei Andi Kissenbeck´s Club Boogaloo reichlich. Auf „Tones, Tales, Tableaus“ (BHM/ZYX) faucht die gute alte Hammond B3, es swingt und groovt relaxt, die Bläser blasen geschmeidig. Gute Laune-Musik!
+ Lars Duppler setzt auf Moog und Fender Rhodes E-Piano. Auch bei ihm groovt es stellenweise. Aber „Raetur“ (Ear Treat/ edel:kultur) ist mehr, ein Album an den Schnittstellen von Jazz und Rock, aufgenommen in Island, mit isländischen Vocals bei zwei Stücken. Eine faszinierende Entdeckungsreise in die Heimat seiner Mutter.
Text & Fotos: cg
Julia Hülsmann
Tigran Hamasyan
Omar Soza
Gerald Clayton
Tigran Hamasyan