Eva Kurowski: "Gott schmiert keine Stullen"

Gelsenkirchen, 1.4.2012 | Eine Kindheit zwischen Lenin, Jazz und Leberwurst. Dieser Untertitel des zweiten Romans von Eva Kurowski, einer Jazzsängerin und Autorin aus dem Ruhrgebiet, ließ uns neugierig werden, sogar sehr neugierig werden.

Für alle die, die in den 1970er und beginnenden 1980er Jahren als politisch aktive Jugendliche unterwegs waren und damals oder mittlerweile beim Jazz gelandet sind, ist dieses Buch ein Fest, ein literarischer innerer Augenschmaus, bei dem man das Hier und Jetzt vergisst und sich in die Zeit der Ostermärsche, UZ-Pressefeste, DGB-Kulturveranstaltungen und die hohe Zeit der alternativen Kommunikationszentren zurückversetzt fühlt.

Die gebürtige Oberhausenerin erzählt in "Gott schmiert keine Stullen" über eine gemütlich-graue Kindheit im Ruhrgebiet beginnend in der Mitte der 1960er Jahre, wo sie bei ihrer Geburt von einer Schalmeienkapelle begrüßt wurde und zu Hause Billie Holiday auf dem Plattenteller knisterte bis hin zu ihren ersten Schritten als Jazzsängerin auf den Bühnen des Ruhrgebiets.

Plötzlich kramt man in den alten Plattensammlungen und holt die LP's von Wader, Süverkrüpp, Frank Beyer oder Fasia Jansen wieder hervor. Man erfährt wie es mit Helge Schneider, Christoph Schlingensief und Herbert Knebel angefangen hat und amüsiert sich köstlich über die komischen und echten Dramen, von einem Vater, der mit Phantasie und Wärme versucht, den Alltag zu meistern, dabei immer beinahe scheitert und wie humorvoll und mit fröhlicher Wehmut eine Tochter in diese, für eine Kind sicherlich nicht leichte Kindheit zurückblicken kann.

Helge Schneider, ein langjähriger Weggefährte von Eva Kurowski, schreibt im zu diesem Buch im Klappentext: "Insbesondere die Kürze, in der sie ihre Geschichten lose beschreibt, und der darin enthaltene Humor, der ihr durch die vertrackte Situation ihres Zuhauses sozusagen in die Wiege gelegt wurde, erinnern mich teilweise sogar an Elfriede Jelinek, von der ich aber nichts kenn, außer ein Foto."

Ein wundervolles Buch in der literischen Ecke so wundervoller Meister der Weltliteratur wie Helge Schneider oder Frank Goosen. Ruhrpottidylle satt.

Text: bz

Leseproben:

«Es begann damit, dass mein Vater, der ein begeisterter Trompeter, Marxist und Graphiker war, einen Samenerguss hatte, und zwar in meiner Mutter. Das hat man mir wenig später ganz ausführlich in einem progressiven Kinderaufklärungsstück vom freien Theater ‹Rote Grütze› so erklärt. Meine Mutter fing sofort an zu stricken, denn sie war im Kloster auf einer Haushaltsschule gewesen. Da ihr nicht schlecht war und sie auch keine Pickel hatte, dachte sie, dass es ein Mädchen wird (…) Als es im Oktober 1965 endlich so weit war, gingen wir in das Städtische Volkskrankenhaus in Essen, wo die Hebamme schon mit ihrem Werkzeug wartete. Mit Hammer und Sichel wurde ich entbunden und von der gewerkschaftlichen Bergmannskapelle mit einem Schalmeien-Ständchen begrüßt.»

«Hier war es so richtig scheiße, und niemand bemühte sich, das Gegenteil zu behaupten. Oberhausen liegt zwar im Ruhrgebiet, hat aber überhaupt keine Ruhr. Stattdessen haben die Oberhausener den gradlinigen Rhein-Herne-Kanal mit der parallel daneben fließenden und unwahrscheinlich stinkenden Emscher anzubieten. Wir sagten Köttelbecken, und das stimmte sogar. Die gesamten Fäkalien des Ruhrgebiets flossen als zähflüssige Masse dort hinein. Möwen im Fäkalnebel. Eine ehrliche Romantik.»

Stimmt schon: Eva Kurowski ist in einem Milieu großgeworden, das «normal sozialisierten» Zeitgenossen wie ein Paralleluniversum vorkommen mag. Viel Politfolklore, Idealismus en gros, schräge Typen, verschrobene Ideen. Aber das Ganze atmet wunderbar rebellischen Ruhrgebiets-Charme. Nicht umsonst kreuzten sich die Wege der Eva Kurowski, als sie endlich ihre jazzige Stimme entdeckte und ihr – auch dank Billie Holiday! – zu vertrauen begann, mit Künstlern wie Helge Schneider, Uwe Lyko und Christoph Schlingensief kreuzten.